Erfahrungsbericht über den 46. Therapeutischen Lehrgang
vom 01.07. bis 08.07.2011 in Brodten Travemünde
Allgemeines
Der Therapeutische Lehrgang des Landesverbandes für körper- und mehrfachbehinderte Menschen Schleswig-Holstein e.V. ist eine bundesweit einmalige Maßnahme. Der achttägige Lehrgang ist eine Mischung aus Information, Therapie und Erfahrungsaustausch.
In diesem Jahr nahmen 19 Familien aus Schleswig-Holstein mit 20 behinderten Kindern und 13 Geschwisterkindern an dem Lehrgang teil. Die Unterbringung erfolgte im Theodor-Schwartz-Haus der Arbeiterwohlfahrt, eingebettet zwischen den Ostseebädern Travemünde und Timmendorfer Strand, nahe dem Brodtener Steilufer. Die Familien bezogen in dem Seminar- und Freizeitzentrum gemütlich eingerichtete, weitestgehend barrierefreie Appartements und wurden mit Buffets zum Frühstück, Mittagessen und Abendessen abwechslungsreich verköstigt. Für Workshops, Vorträge und Gesprächskreise wurde zusätzlich ein Seminarraum angemietet. Der Kinderbetreuung standen ein dreiräumiger Seminarkomplex sowie ein Gartenhaus am Kinderspielplatz für Außenaktivitäten zur Verfügung. Das weitläufige, ebene und eingezäunte Gelände sowie die Kinder- und Familienfreundlichkeit bieten hervorragende Bedingungen für eine Gruppe in Größe von ca. 80 Personen.

Kinderbetreuung
20 Kinder mit Behinderung und 13 Geschwisterkinder im Alter von 1 - 13 Jahren wurden täglich von 9:00 - 11:30 Uhr und 15:00 - 17:00 Uhr von einem professionellen Team betreut. Sehr kreativ und phantasievoll wurde das diesjährige Motto „Weltraum“ umgesetzt und fand sich in Bastelaktionen, Liedertexten, Spielen und anderen Freizeitaktivitäten stets wieder.
Abends trafen sich Eltern, Kinder und Kinderbetreuer im Seminarhaus, um gemeinsam den Tag mit einem Singkreis ausklingen zu lassen.

Ein buntes Kinderfest mit vielen unterschiedlichen Spielstationen lud am Mittwoch bei sonnigem Wetter alle Familien zum Mitmachen ein. Mit viel Spaß und guter Laune wurde der Nachmittag zu einem vollen Erfolg.
Als Highlight für den letzten Tag des Lehrgangs verzauberte der Magier John Merlin Kinder und Eltern gleichermaßen. Fasziniert von den Tricks konnten die Kinder gar nicht genug vom Hokuspokus bekommen!
Physio- und Hippotherapie
Parallel zur Kinderbetreuung wurde für Kinder mit Behinderung Physiotherapie angeboten. Die Kinderbetreuer gewährleisteten das Bringen und Holen zu den jeweiligen Therapien, die im halbstündigen Rhythmus angeboten wurden. Es wurden drei Physiotherapeutinnen engagiert, die Behandlungen nach Bobath, Cranio Sacral und Vojta durchführten.
Darüber hinaus konnte jedes Kind einmal an der Hippotherapie bei einem nahe gelegenen Reitstall teilnehmen. Eine Kinderbetreuerin brachte täglich eine ca. fünfköpfige Kleingruppe mit dem Bus dort hin und half unterstützend bei der Therapie.
Hippotherapie ist eine Form der Physiotherapie auf neurophysiologischer Basis. Das Therapiepferd wird als Medium verwendet, um Bewegungsimpulse auf das Becken des Kindes zu übertragen. Ein heilender Effekt wird vor allem dadurch erreicht, dass sich der Körper auf die Impulse, die durch das sich bewegende Pferd verursacht werden, neu einpendeln muss. Behinderte Kinder können ein Gefühl für ihre Körpermitte entwickeln, stabilisieren ihre Muskulatur und lernen korrigierende Haltungen, um so auch Gelenkfehlstellungen zu verhindern. Zugleich wird die Muskelspannung positiv beeinflusst; schlaffe Muskeln spannen sich an, spastische, also zu stark gespannte Muskulatur, gibt nach. Dadurch wird die gesamte Haltung vor allem des Oberkörpers des behinderten Kindes geschult und das Balancegefühl verbessert.

Veranstaltungen für Eltern
Während die behinderten und nicht behinderten Kinder vor- und nachmittags professionell betreut waren, bot der lvkm-sh. für die Eltern ein vielseitiges und umfangreiches Programm an:
• Vortrag „Hippotherapie“, Frau Bolz, Physiotherapeutin
• Vortrag „Cranio sacral Therapie“, Frau Stoer, Physiotherapeutin
• Vortrag „Basale Stimulation“, Frau Büker, Kinderzentrum Pelzerhaken
• Workshop „Geschwister behinderter Kinder“, Frau Zierott,
Verein Leben mit Behinderung Hamburg
• Workshop „Bewegen statt heben – Kinaesthetics für pflegende Angehörige“,
Frau von Werder, Kinaesthetics-Trainerin
• Vortrag „Unterstützte Kommunikation“, Frau Heldt, Kinderzentrum Pelzerhaken
• Gesprächskreis zur Pflegeversicherung, Frau Blüdorn, Landesverband
• Vortrag „Mein Kind hat eine Behinderung - diese Hilfen gibt es“,
Frau Kiel und Frau Blüdorn, Landesverband
• Hilfsmittelberatung und Vorführung durch das Sanitätshaus Thies Itzehoe
Die Informationsveranstaltungen, Gesprächskreise und Workshops wurden von den Eltern gut besucht und sehr geschätzt. Auch in diesem Jahr waren die Eltern äußerst interessiert und konnten durch das breit gefächerte Angebot viele Antworten auf ihre Fragen finden.

Neben den angebotenen Veranstaltungen ist insbesondere der Austausch der Eltern untereinander ein wichtiges Element des Therapeutischen Lehrgangs. Hier entstehen viele Kontakte, die oftmals die Länge des Lehrgangs überdauern und den Eltern bewusst machen, wie wichtig es ist, sich auch gegenseitig zu unterstützen. Nicht selten münden die Erfahrungen aus dieser besonderen Maßnahme darin, im Nachhinein mehr Eigeninitiative und Selbstbewusstsein zu entwickeln und sich auch vor Ort in einem der zahlreichen Selbsthilfevereine des Landesverbandes zu engagieren. Aus diesem Grund wurde in diesem Jahr die „Magie der Selbsthilfe“ als Pressethema in den Mittelpunkt gestellt!
Psychologische Beratung
Als äußerst hilfreich und positiv unterstützend wurde auch das Beratungsangebot von der Psychologin Frau Büker aufgenommen. Fast alle TeilnehmerInnen nutzten die Chance, sich in halbstündigen Terminen von Frau Büker psychologisch beraten zu lassen. Viele Eltern probierten das erste Mal ein Angebot dieses Formats unverbindlich aus. Viele Eltern waren begeistert und könnten sich auch für die Zukunft eine Unterstützung bei der Bewältigung ihrer Sorgen vorstellen.
Resümee
In der anonym durchgeführten Umfrage am Ende des Lehrgangs wurde der Therapeutische Lehrgang des lvkm-sh überaus positiv von den Eltern bewertet. Unser Ziel, Eltern behinderter Kinder zu beraten, umfangreich zu informieren und zu stärken wurde eindeutig erreicht. Mit Sicherheit wird der Lehrgang für Eltern, ihre behinderten Kinder und deren Geschwister eine positive nachhaltige Wirkung haben.
Die Kosten des Lehrgangs von insgesamt 42.000,- EUR wurden zu einem Teil von den für die jeweiligen Familien zuständigen Sozialämtern finanziert. Die verbleibenden Kosten in Höhe von rund 24.000,- EUR wurden vom lvkm-sh durch Spenden eingeworben. Allen Spendern sei an dieser Stelle, auch im Namen der teilnehmenden Familien, noch einmal ganz herzlich gedankt! Durch dieses Engagement konnte der Teilnehmerbeitrag der ohnehin belasteten Familien gering gehalten werden.
Kronshagen, Juli 2011


